Erinnerungen an den 80. Jahrestag – Teil 2

Erinnerungen an den 80. Jahrestag – Teil 2

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Am 15. Juli 2021 wurde im Kulturbahnhof Radebeul der Film „Das Wunder von Leningrad / Leningrad Sinfonie – Eine Stadt kämpft um ihr Leben“ wieder aufgeführt. (Die Ankündigung und Einladung stand in unserem KALENDER.) Den Film kann man hier auch ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=gwsHkFc3320 Nach der Eröffnungsrede der Veranstaltung durch den Oberbürgermeister der Stadt Radebeul Herrn Wendsche fasste der Historiker Dr. Klaus-Dieter Müller die Belagerung Leningrads mit folgenden Worten zusammen, die wir hier mit Dank wiedergeben dürfen:

Einführung zum Film „Das Wunder von Leningrad – eine Stadt kämpft um ihr Leben“

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
vor knapp 4 Wochen am 22. Juni jährte sich zum 80. Mal der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Der eine Partner des Nichtangriffspaktes vom 23. August 1939, das Deutsche Reich, hatte damit den Vertrag gebrochen und ohne formelle Kriegserklärung den anderen Partner, die UdSSR, auf einer Linie von 1.200 km angegriffen. Der Krieg auf diesem Schauplatz unterschied sich fundamental von anderen Kampfhandlungen in Europa: er war von deutscher Seite als systematischer Vernichtungsfeldzug gegen den Staat Sowjetunion gerichtet, einschließlich der totalen Vernichtung von dessen jüdischer Bevölkerung und der teilweisen Vernichtung slawischen Bevölkerungsgruppen. Von den etwa geschätzt 27 Millionen sowjetischen Toten des vierjährigen Krieges waren etwa 14 Millionen Zivilisten.
Diese riesige Opferzahl war nicht etwa Folge von unvorhersehbaren Kriegsereignissen, sondern es war geplant, die sowjetische Bevölkerung zu dezimieren, dieses war u.a. eines der zentralen deutschen Kriegsziele.
Denn bereits vor den Beginn der Operation „Barbarossa“ waren es mehrere Überlegungen, die den Massentod russischer Zivilisten beabsichtigten oder billigend in Kauf nahmen:
Die deutsche Ernährungswirtschaft war nicht in der Lage, das Eroberungsheer im Ostfeldzug aus der Heimat für längere Zeit zu versorgen. Als der Krieg sich in die Länge zog und der anvisierte Sieg innerhalb von drei Monaten auf sich warten ließ, befahl Göring am 16. September 1941, dass sich die Truppe von etwa drei Millionen Mann praktisch vollständig aus dem besetzten Land zu ernähren hätte.
Um das Niveau der Ernährung auch im Reich zu halten, war von Anfang an die Entnahme von erheblichen Nahrungsmittelmengen und landwirtschaftlichen Gütern für die deutsche Bevölkerung vorgesehen. Diese kamen notwendigerweise aus dem sog. Schwarzerdegebiet, dem Süden der europäischen Sowjetunion. Damit war auch ein notwendiger Transfer aus russischen Getreideüberschussgebieten des Südens in den Norden bzw. die Zentralregion (die sog. Waldzone als Zuschussgebiete, wo auch Leningrad und Moskau liegen), innerhalb der besetzen Gebiete ausgeschlossen.
Eine Beratung von Staatssekretären verschiedener deutscher Ministerien hielt bereits am 2. Mai 1941 fest: Im 3. Kriegsjahr sei die Wehrmacht nur durch Nahrungsmittel aus Russland zu ernähren. Dadurch würden als Konsequenz Zigmillionen sowjetische Zivilisten den Tod finden.
Im Generalplan Ost (der SS) war vorgesehen, über 30 Millionen polnische und sowjetische Zivilisten aus ihren angestammten Gebieten zu vertreiben und durch etwa vier Millionen deutsche Siedler zu ersetzen. Auch dieser Plan hätte – hier im Konjunktiv, weil er nicht umgesetzt werden konnte – Millionen Polen und Sowjetbürger das Leben gekostet.
Insgesamt sah die deutsche Planung für das sowjetische Gebiet bis zum Ural letztlich nichts anderes als den Charakter einer Kolonie vor, für die große Städte und Schwerindustrie überflüssig waren. Dieses Ziel wurde in wirtschaftspolitischen Richtlinien des Wirtschaftsstabes Ost auch bereits am 23 Mai 1941 festgehalten.
Und ein weiterer Punkt kam hinzu: Leningrad als politisches Symbol. Hitler hatte schon vor dem Angriff mehrfach vor Vertrauten die Absicht geäußert, die Städte Leningrad und Moskau zu erobern, deren Bevölkerung zu vertreiben (es blieb unklar, wohin) und beide Städte anschließend dem Erdboden gleichzumachen. So erklärte er am 28. Juli 1941, „die Haupteiterbeulen müssten weg: Leningrad und Moskau.“ Generalstabschef Franz Halder notierte im Juli 1941: „Feststehender Entschluss des Führers ist es, Moskau und Leningrad dem Erdboden gleich zu machen, um zu verhindern, dass Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müssten.“
Während noch lange Jahrzehnte in der deutschen Öffentlichkeit die Blockade von Leningrad als bloße Militärmaßnahme wahrgenommen wurde (schließlich gab es Blockaden seit dem Altertum), ist sich die Historiografie seit Jahren darüber einig, dass sie eines der schlimmsten und größten Kriegsverbrechen im Ostfeldzug darstellt (im Rahmen der von mir oben genannten Pläne). Aus keiner begrenzten Region sind mehr Zivilisten aufgrund deutscher Maßnahmen umgekommen als im blockierten Leningrad vor allem in den ersten 1 ½ Jahren. Es sei hier jedoch hinzugefügt, dass der Hunger auch in allen besetzten sowjetischen Städten seit Herbst 1941 zum ständigen Begleiter der dortigen Einwohner geworden war, Leningrad war also nur ein besonders krasses Beispiel. Hinzu kommt – was keinesfalls die deutschen Planungen weniger verbrecherisch macht –, dass auf sowjetischer Seite vor Juni 1941 keinerlei Vorkehrungen für die Verteidigung der Stadt getroffen worden waren. Es erklärt jedoch auch die Dimensionen des Todes in Leningrad.
Als nun die Heeresgruppe Nord Anfang September 1941 die Region Leningrad erreichte, musste entschieden werden, ob die Stadt tatsächlich erobert werden sollte. Hitler verbot jedoch kategorisch, dieses mittels Straßenkämpfen durchzuführen (wie es ein Jahr später in Stalingrad versucht wurde) und befahl eine Blockade, um die Bevölkerung auszuhungern und so die Übergabe ohne militärische Verluste zu erreichen. Zugleich wurden gezielt die Gebäude mit den Nahrungsmittelvorräten sowie Infrastruktureinrichtungen angegriffen und zerstört. In einer Weisung an die Heeresgruppe Nord verbot er zudem ausdrücklich, ein mögliches Kapitulationsangebot Leningrads anzunehmen.
Am 8. September 1941 war schließlich der Ring um Leningrad von Landseite vollständig geschlossen: im Südosten durch die Wehrmacht, im Nordwesten durch Finnische Truppen [siehe Kurzinformation zur Blockade Leningrads]. Deutsche militärische Vorstöße auf die Stadt, um den Stadtgrenzen näher zu kommen, blieben in den nächsten Wochen erfolglos und wurden mit Abzug von Truppen für den Angriff auf Moskau ab Oktober 1941 weitgehend eingestellt.
Lediglich von der Wasserseite über den Ladoga-See war eine Verbindung zum sowjetischen Hinterland noch möglich. Erst im Winter waren über den zugefrorenen und von Deutschen weiter angegriffenen Weg über den Ladoga-See Evakuierungen und Lebensmittellieferungen in geringem Maße möglich. Dieser Weg ist als „Straße des Lebens“ in die Geschichte eingegangen, wegen der vielen Todesopfer aber auch „Straße des Todes“ genannt.
Als Hitler im Frühsommer 1942 doch die Einnahme von Leningrad befahl, war die Wehrmacht dazu schon zu schwach; auch sowjetische Befreiungsversuche scheiterten jedoch, beide Seiten verloren bei den Kämpfen zusammen ca. 1,5 Millionen Soldaten. So blieb die Blockade weitere gut 1 ½ Jahre bestehen.
Erst im Januar 1943 wurde von der Roten Armee ein schmaler Korridor bei Schlüsselburg erobert, am 7. Februar kam ein erster Versorgungstransport auf dem Landweg in Leningrad an; doch auch dieser Weg lag etwa ein Jahr lang in deutscher Artilleriereichweite. Und erst am 27. Januar 1944 gelang die endgültige Sprengung des Blockaderinges, nach 872 Tagen. Dieser Tag wird bis heute in St. Petersburg und Russland als besonderer Feiertag begangen.
Auf der anderen Seite war Stalin keineswegs und zu keinem Zeitpunkt bereit gewesen, Leningrad aufzugeben oder dessen Kapitulation zu genehmigen. Die Masse der Bevölkerung war angesichts des deutschen Vormarsches auf Leningrad im Sommer 1941 nicht vorsorglich evakuiert worden – wie hätte man auch angesichts der Kriegslage dieses im 2. Halbjahr 1941 bewerkstelligen können. Auch wurde Leningrad 1941 zu einem Symbol für beide Seiten, ähnlich wie dann der Kampf um Stalingrad 1942.
Die Bevölkerung war der Hauptleidtragende dieser Situation.
Am 12. September 1941 reichten die Vorräte für Getreide und Mehl für 35 Tage, Fleisch für 33 Tage, Fette 45 Tage und Zucker 60 Tage. Am 20. November gab es weitere Kürzungen, obwohl nun erste Lebensmittellieferungen über den Ladoga-See eintrafen. So erhielten Arbeiter etwa 500 gr Brot täglich, Angestellte und Kinder 300 gr und Familienangehörige 250 gr., zumindest auf dem Papier. Es erfolgten jedoch weitere Kürzungen, die Hungersnot begann, endemische Ausmaße anzunehmen. Die Menschen verloren im Winter bis zu 45% ihres Körpergewichts durch Muskelabbau und Verkleinerung innerer Organe. Lebensmittel wurden zudem gestreckt mit Stroh, Leim oder Leder.
Im Oktober 1941 war zudem die Stromversorgung für die Bevölkerung völlig zusammengebrochen; Brennstoffe waren erschöpft.
In den ersten Monaten der Blockade starben monatlich erst Tausende und dann Zehntausende von Menschen in der eingeschlossenen Stadt an Hunger, Kälte und Krankheiten, zum Teil nach Angriffen. Die monatlichen Sterberaten lagen in den ersten Monaten 1942 um die 100.000, nach manchen Schätzungen in einigen Perioden sogar bei bis zu 10.000 pro Tag. Das Zwangslage der Bewohner lässt sich so beschreiben: Wenn die Menschen zu wenig aßen, wurden sie zu schwach zu arbeiten und verloren ihren Status als Essensrationenempfänger für Arbeitende, sie starben. Wenn sie ihren Kindern zu wenig von ihren Rationen abgaben, starben diese zuerst. Es kam zu Fällen von Kannibalismus.
Bis Juni 1942 kam etwa eine halbe Million Menschen um. Die Rüstungsindustrieproduktion freilich wurde unter drakonischen Bedingungen aufrechterhalten; so lieferten etwa die gigantischen Kirow-Werke weiterhin Panzer für die Front. Erst ab Sommer 1942 besserte sich die Lage, es wurden neue landwirtschaftliche Flächen angelegt, es kamen Lebensmitteltransporte aus der Luft und über den Ladoga-See.
Insgesamt starben während der Blockade etwa eine Million Menschen, vielleicht mehr, eine genaue Zahl ist nicht bekannt. Etwa eine Million Einwohner war evakuiert worden, am Ende der Blockade blieben von 2,5 Millionen Einwohnern im Sommer 1941 noch 600.000 übrig.
Meine Damen und Herren,
die Erinnerung an die Tragödie / an das Kriegsverbrechen von Leningrad hat in Deutschland öffentlich erst sehr spät eingesetzt. Dazu nur drei Daten.
2001 legten Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin Kränze zur Erinnerung an die Blockade Leningrads in der Stadt selbst nieder.
2014 sprach der Schriftsteller Daniil Granin (Überlebender und Verfasser eines Blockadebuchs, er kommt im Film zu Wort) am 27. Januar im Bundestag zu diesem Thema. Es gab das Versprechen von Bundespräsident Gauck an Präsident Putin, dass sich Deutschland dieser geschichtlichen Verantwortung bewusst sei.
Die Bundesregierung verkündete 2019, zum 75. Jahrestag des Blockadeendes, noch lebende Blockadeopfer mit 12 Millionen Euro zu unterstützen.

Meine Damen und Herren,
ich darf Ihnen nun den Film ankündigen, der uns eine Vorstellung von den Ereignissen in und um Leningrad zu geben in der Lage ist. Um was es in dem Film geht, ist im Einladungsflyer kurz skizziert. Es gibt kaum eine Film, der die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten so intensiv deutlich macht und sich trotzdem so nah an der historischen Wahrheit bewegt wie diese Mischung aus Dokumentation und Spielszenen.

Kurzinformation zur Blockade Leningrads
Am 22.6.1941 überfiel die Wehrmacht die Sowjetunion. Damit nahm die deutsche Kriegführung auf dem östlichen Kriegsschauplatz den Charakter eines systematischen Vernichtungsfeldzuges an. Mehr als 27 Millionen Menschen verloren dabei auf sowjetischer Seite ihr Leben, unter ihnen etwa 14 Millionen Zivilisten. Der millionenfache Tod sowjetischer Zivilisten wurde dabei bewusst herbeigeführt oder war unausweichliche Folge der deutschen Planung, sowohl die Wehrmacht vollständig aus dem Lande zu ernähren wie auch aus den besetzten Gebieten Lebensmittel in erheblicher Größenordnung für die Ernährung der deutschen Bevölkerung ins Deutsche Reich zu schaffen. Hinzu kamen mehrfach geäußerte Absichten Hitlers, die größten sowjetischen Städte Leningrad und Moskau dem Erdboden gleichzumachen und deren Bevölkerung zu vertreiben.

(Quelle: Wikipedia: David Glatz, Russische Militärenzyklopädie, NZZ)

Ein besonders eklatantes Beispiel der deutschen Vernichtungspolitik war die 872 Tage dauernde Blockade von Leningrad von 1941 bis Anfang 1944. Am 8. September 1941 erreichten die Heeresgruppe Nord den Ort Schlüsselburg. Damit war Leningrad von südöstlicher Landseite vollständig eingeschlossen, die finnischen Truppen schlossen die nördliche Landseite. Hitler befahl ausdrücklich, die Stadt Leningrad nicht militärisch zu erobern, sondern Leningrad durch Aushungern in die Hände zu bekommen.
Trotz mehrfacher Versuche der sowjetischen Truppen, den Belagerungsring zu zerschlagen, gelang es lediglich Anfang 1943, eine schmale Landverbindung freizukämpfen und erst am 27. Januar 1944, die deutschen Truppen endgültig zurückzudrängen. Etwa eine Millionen Leningrader waren bis dahin der Belagerung durch Hunger, Krankheiten und Beschuss zum Opfer gefallen.

(AG 75. Jahrestag des Endes der Zweiten Weltkrieges in Radebeul).