Auf dem Weg zum Frieden

Auf dem Weg zum Frieden

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Jahrelang hatten wir die kontinuierlich sich verschlechternde Beziehung zwischen Russland und der NATO kritisiert. Wie hier auf unserer Internetseite nachlesbar haben wir immer wieder eine Verbesserung durch Deeskalation, Dialog und Abrüstung gefordert. Doch in den letzten Monaten spitzte sich die Situation weiter zu und wir wendeten uns an die OSZE als Organisation für Frieden und Zusammenarbeit in Europa, in der sowohl Russland als auch die meisten NATO-Länder Mitglied sind. Dort wurden unsere Forderungen nicht gehört. sie verhallten im irrationalen Sturm der Beschuldigungen gegen Russland und im Reden von Krieg. Die meisten von uns waren schockiert, als dann Russland die Repektierung seiner roten Linien ab 24. Februar begann mit Waffengewalt zu erkämpfen. Nach wenigen Tagen des erregten Diskutierens gingen wir über zu rationalem Handeln und Einschätzen und Berücksichtigen der neuen Lage. Einerseits schalteten wir auf praktische Hilfe für notleidende Menschen um und schickten mit Partnern und Helfern Güter für ein zerbombtes Krankenhaus und eine Schule in die Donbass-Konfliktzone auf den Weg [1]. Die Frage bleibt: Wie hätte der Krieg verhindert werden können? Unser offene Brief an Präsident Steinmeier enthält eine mögliche Antwort [2]. Nun bewegt sich in den Verhandlungen zwischen der ukrainischen und der russischen Regierung etwas ganz, ganz langsam (leider!) in diese Richtung, auch wenn die Schrecken des Krieges Tag für Tag anhalten und sich offensichtlich verstärken.

Wir gehen vom globalen Kräfteverhältnis aus, von dem der Ukraine-Konflikt nur ein kleiner Teil ist. China gewinnt an Kraft und steigt als Handelsmacht auf. Nur noch 50% der Chinesen leben in Armut, während die Mittelschicht wächst. Das Imperium USA kann seinem selbst gewählten Anspruch der Full Spectrum Dominanz immer weniger entsprechen, also in allem und global die führende Macht zu sein, obwohl Präsident Joe Biden gerade wieder verkündet hat, dass die USA dieses Reich der Freiheit gegen die aggressiven Mächte siegreich anführen werden. Wichtigste Instumente zur Demonstration und Projektion dieser Macht in jeden Fleck dieser Erde sind die Hunderte Stützpunkte und die höchsten Militärausgaben, die je ein Staat hatte, gemeinsam mit dem alles dominierenden Dollar, der bisher einzigen Weltreservewährung. Russland hat unter der Führung Putins den Wiederaufstieg von einem zerfallenen, einst mächtigen kommunistischen Staat zu einer komplexen Industrie- und Militärnation geschafft, gestützt auf dem schier unerschöpflichen Reichtum nicht nachwachsender Energieträger und Rohstoffe. Das alles ist im Fluss. Auch alle anderen hier nicht genannten Völker und Weltgegenden entwickeln sich in diesem Feld der großen Machtpole.

Da ist jetzt eine Grenze erreicht, dass die von den USA geführte NATO von Westen und Süden nicht weiter an die Grenzen Russlands heranrücken kann und das Land mit Cyberattacken, mit der Anhäufung von Kriegsmaterial und Soldaten an seinen Grenzen, Wirtschaftskrieg und psychologischen Kampagnen stören kann und versuchen es zu destabilisieren.

Die Situation erinnert ein wenig an die Zeit in Europa nach der Französischen Revolution. Mit bürgerlichen Ideen wurde das wirtschaftliche und kulturelle Leben neu organisiert. Die laufende industrielle Revolution steigerte die Arbeitsproduktivitä enorm und erlaubte der bürgerlich-adlig- und klerikalen Führungsschicht unter Napoleon mehr Prunk und Macht auf sich zu vereinen und damit nach ganz Europa auszustrahlen. Das Kriegswesen wurde unter Napoleon revolutioniert, und es wurde unablässig Krieg geführt. Die Karte zeigt mit der roten Umrandung die Teile Europas im Jahre 1812, die Napoleon für seine „Napoleonischen Kriege“ verpflichtet hatte. Das hat Ähnlichkeiten mit der NATO und der EU, die eine miteinander verflochtene Militärstruktur über viele Länder hinweg hat, allerdings unter der politischen und militärischen Dominanz der US-Regierung. Siehe die Stichworte „Eurokorps“ und „Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ in der Wikipedia.

1812 erlaubte diese Truppenkonzentration und die Machtanhäufung Napoleon, den Russlandfeldzug zu beginnen, Moskau einzunehmen, die zaristische Militärmacht zu dezimieren, trotz flächendeckender Unterstützung durch russische Partisanen, und im gleichen Jahr das weitgehend vernichtete eigene Heer wieder zurückzuführen. https://de.wikipedia.org/wiki/Russlandfeldzug_1812 Das Zarenreich Russland hat mit viel Not standgehalten. Gleichwohl zog die vom Westen kommende industrielle Moderne im Laufe des 19. Jahrhunderts in Russland ein dank der Tatkraft des russischen Unternehmertums.

Die Situation 1812 und 2022 ist in vieler Hinsicht sehr unterschiedlich, nicht nur wegen den 210 Jahren Abstand. Wir Friedensbewegte können Lehren für heute ziehen, wenn wir die Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten im historischen Vergleich wahrnehmen. Beide Ereignisse finden in Zeiten systemischer Umbrüche statt. 1812 in der Aufstiegszeit des bürgerlichen Industriekapitalismus, also mitten im sich entwickelnden Kapitalismus. 2022 bricht sich der liberale imperiale Spätkapitalismus dank zunehmender digitaler und massenpsychologischer Gleichschaltung und finanzkapitalistischer Perfektion Bahn. Die durch die Konfrontation zwischen den Machtpolen angestoßene militärtechnische und strategische Zuspitzung (Kinshal und Atomwaffen) wird durch vom Kapital gesteuerte Staaten finanziert und spült mehr Geld in die Kassen der wenigen noch verbliebenen superreichen Kapitalbesitzer, denen die Mehrheit des planetaren Reichtums gehört. Die Ukraine ist da nur ein Puzzleteil des gesamten Konflikts, aber für die Friedensaktiven eine große Herausforderung, denn wir müssen jeden Tag genau wissen, wie wir uns positionieren sollen, um dem Morden und dem Leid Einhalt zu gebieten. Die Ausgaben der Staaten für „Verteidigung“ reduzieren und die Anstrengungen für Verhandlungen und Verhandlungslösungen und Friedensbildung und -aufklärung verstärken ist sicher ein Grundrezept. Nach 1812 führte die Not des Kriegsleidens zu einer Neuorientierung der arbeitenden Menschen in den sogenannten Befreiungskriegen. Wohin uns die Jahre nach 2022 führen, wissen wir noch nicht. Es hängt (auch) von uns ab [3].

[1] www.friedendresden.de/spendenaufruf-2/
[2] www.facebook.com/FriedensinitiativeDresden 19.03.22 „Sehr geehrter Herr Bundespräsident Steinmeier, …“
[3] www.friedendresden.de/sicherheit-neu-denken-im-ukraine-krieg/

Basis-Literatur
Krieg und Frieden, Roman von Leo Tolstoi www.projekt-gutenberg.org/tolstoi/kriegfri/kriegfri.html
14.02.22 Erstveröffentlichung in Deutsch: Sheldon S. Wolin, Umgekehrter Totalitarismus – Faktische Machtverhälnisse und ihre zerstörerischen Auswirkungen auf unsere Demokratie. Mit einer Einführung von Rainer Mausfeld www.westendverlag.de/buch/umgekehrter-totalitarismus/

Bildunterschrift: Die Ausgangslage vor dem Russlandfeldzug 1812: Europa unter französischer Vorherrschaft
Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Russlandfeldzug_1812